Unterwegs

Veedels-Check Vogelsang

Köln-Vogelsang ist eine „Insel der Glückseligen“ für die Bewohner

KStA 14.08.2018

Da hatte Anton Bausinger „seine“ Vogelsanger wohl falsch eingeschätzt. Als der Gründer des Landschafts- und Gewerbeparks Triotop ganz im Süden des Stadtteils einen 111 Meter hohen Kletterturm für Freizeitsportler errichten wollte, liefen die Bewohner des Veedels Sturm. Wo sollten denn all die Kletterfreunde ihre Wagen abstellen, doch wohl nicht in den Wohnstraßen? Dann der Lärm – und manchem Vogelsanger mag auch der Gedanke nicht behagt haben, dass ihn künftig sommers jemand beim Grillen im heimischen Garten beobachten könnte.

So wurde die Politik eingeschaltet, Bausinger legte Kompromissvorschläge vor, am Ende blies der Bauunternehmer das Projekt ab. Der Vogelsanger an sich ist eben ganz zufrieden damit, auf einer „Insel der Seligen“ zu leben, die kaum je ein Fremder betritt.

„Wir sind schon so eine Art gallisches Dorf, der Stadtteil ist an drei Seiten von Gleisen umgeben – der HGK-Linie sowie den Bahn-Strecken Köln-Aachen und Köln-Mönchengladbach“, erklärt Ulrich Strobl, stellvertretender Vorsitzender der Bürgervereinigung Vogelsang. „Man kann nur über drei Straßen nach Vogelsang einfahren, und dann gibt’s noch zwei oder drei Radwege.“ Sobald man sich einmal an die Geräusche des Bahnverkehrs gewöhnt hat, herrscht hier tatsächlich eine beinahe paradiesische Ruhe. Spätestens, seit Mitte der 80er Jahre die Zufahrten von der Militärringstraße zum Goldammerweg und zur Vogelsanger Straße gesperrt wurden.

Bürger hatten sich über Staus und Schleichverkehr beschwert. Doch nun droht neues Ungemach, und wieder kommt es „vom Wassermann“: Ab dem 21. August möchte ein Veranstalter an der Halle Tor 2 drei Open-Air-Konzerte mit Amy Macdonald, Adel Tawil und Santiano durchführen, 6000 Steh- und Sitzplätze sind vorgesehen. „Die Bühne ist nur 200 Meter von der Wohnbebauung weg“, klagt Klaus Quadflieg, Vorsitzender der Bürgervereinigung.

Immerhin ist das Gewerbegebiet mit seinen Party- und Event-Locations durch einen Grünbereich mit See, den Resten eines Baggersees, von den Wohnstraßen weiter nördlich getrennt. Eine direkte Straßenverbindung existiert nicht, zu Fuß muss man über einen von dornigem Gestrüpp gesäumten Trampelpfad. „Je mehr Dornen, desto besser“, meint Quadflieg, da lasse sich auch der Lärm von „zigtausend Fröschen“ im Wassermannsee leicht ertragen.

So bleiben die großzügig geschnittenen Grundstücke von den Auswüchsen urbanen Nachtlebens verschont. Die Gärten der Einfamilienhäuser sind so groß, weil sie einst der Selbstversorgung der Bewohner dienten. „Deshalb bleiben auch so viele Vogelsanger hier, wenn sie selbst eine Familie gründen“, erklärt Strobl: „Man baut einfach ans Haus der Eltern an oder gleich ein eigenes Haus auf deren Grundstück.“ Das fördert die Traditionsverbundenheit: „Für Leute, die schon in der dritten Generation hier leben, sind wir immer noch ,Neu-Vogelsanger’“, erzählt Strobl schmunzelnd. Wie Quadflieg ist er als Kind in den 60er Jahren mit seinen Eltern hergezogen.

Im Kern dörflich wirkt auch das Freizeitangebot. Eine Ausnahme bildet seit 2010 der Mailauf der Bürgervereinigung, zu dem bis zu 700 Sportler anreisen. Ansonsten pflegen die Vogelsanger beim Kappesrollen oder Adventssingen, auf dem Siedlerfest, dem Neujahrsempfang oder der Comedy-Gala vorwiegend ihre gutnachbarschaftlichen Beziehungen. Gefeiert wird im Pfarrsaal von St. Konrad oder auf dem Vogelsanger Markt im ältesten Ortsteil. Auch die Vereine halten das Brauchtum in Ehren: in der Siedlergemeinschaft, im Männerchor oder im Lumpenclub etwa und beim Sport. Eine echte Jugendeinrichtung gibt’s nicht, aber die jungen Vogelsanger sind häufig bei den Pfadfindern oder den Messdienern aktiv.

Doch einige Bewohner sind mit diesen Angeboten nicht zu erreichen. Die Menschen etwa, die zu Beginn des Jahrtausends in die neuen Einfamilienhäuser und Wohnungen von „Vogelsang-Nord“ um Silbermöwenweg und Strandläuferweg einzogen. „Die Bürgervereinigung hat eine Zeit lang eigens einen Maimarkt in der Nähe veranstaltet, aber kaum jemand hat sich da sehen lassen“, sagt Strobl.

Den fehlenden Kontakt zwischen den Ortsteilen beklagt auch Christa Pötschke. Wie Ulrich Strobl lebt sie seit den 60er Jahren in „Neu-Vogelsang“, aber auf der anderen Seite des Goldammerwegs – nicht in den Einfamilienhäusern also, sondern in einem der mehrgeschossigen Mietshäuser. Von dort ist es überraschend weit bis Alt-Vogelsang. „Vor einem Jahr war ich zum ersten Mal im Zwitscherhäuschen“, erzählt die 86-Jährige von einem Besuch in der Traditionsgaststätte am Markt. „Und die Leute, die dort leben, lassen sich hier nicht blicken, es gibt keinen Treffpunkt im Stadtteil“, sagt Pötschke.

Das Seniorennetzwerk ist im Goldammerweg 28 untergebracht, wo sich früher einmal das Vogelsanger Einkaufszentrum mit Supermarkt, Metzgerei, Bäckerei, Spielzeuggeschäft, Blumenladen und einer Gaststätte befand. Nur noch traurige Reste sind übrig geblieben, selbst die Händler des Wochenmarkts kommen nicht mehr her – seit an der Venloer Straße die großen Märkte eröffneten, lohnt das Geschäft hier nicht mehr. Das betrifft auch Alt-Vogelsang, aber dort kann man das Nötigste wenigstens noch im „Multi-Shop“ einkaufen. Alle Vogelsanger sind unzufrieden mit diesem Zustand – und dann fahren sie doch wieder zur Venloer Straße.

„Das große Angebot lockt eben“, meint Petra Gräff. Die Koordinatorin des Seniorennetzwerks hatte im September 2014 mit viel Unterstützung von allen Seiten einen Genossenschaftsladen am Goldammerweg eröffnet, in einem Café nebenan fanden Lesungen, Ausstellungen, Filmvorführungen statt. Die Auswahl im Laden war beachtlich und wurde Menschen mit unterschiedlichen finanziellen Möglichkeiten gerecht. Doch die Kunden blieben aus – im Dezember 2016 musste die „Goldammer“ Insolvenz anmelden. „Zusammen mit dem Café hätte es ein Ort werden können, an dem sich die verschiedenen Gruppen begegnen“, so Gräff. Das Scheitern hatte auch Auswirkungen auf das Seniorennetzwerk: „Gerade die stark Engagierten waren natürlich enttäuscht und haben sich zurückgezogen.“ Doch der Wiederaufbau des Netzwerks sei geschafft, so Gräff. Und auf dem alten Kirmesplatz am Akazienweg zeigten sich zarte Pflänzchen moderner Urbanität: Dort hat die Gemeinschaftsgarten-Initiative „Fink“ ihre Pflanzbeete aufgebaut.

Offene Baustellen

Im Landschafts- und Gewerbepark wird eigentlich immer gebaut. Derzeit entsteht dort das „Snake“-Gebäude, in das ab dem Schuljahr 2019/2020 die ersten und zweiten Jahrgänge der neuen Lindenthaler Gesamtschule einziehen sollen. Es ist aber nur der Interimsstandort für die Schule, die in fünf Jahren einen Neubau in der Nachbarschaft am Wasseramselweg, etwas weiter nördlich im Triotop, beziehen soll.

 Dort startet die Gesamtschule nach den Sommerferien auch in einem Containerkomplex. Neben der Gesamtschule ist auch die private Aktive Schule Köln (ASK) im Triotop zu Hause. Aber auch in den Wohngebieten steht eine recht ansehnliche Zahl von Schulen: zwei Grundschulen, eine Förderschule, ein Zweig des Ehrenfelder Berufskollegs, sowie die Bertha-von-Suttner-Realschule an der Kolkrabenschule.

 Die Gebäude der Realschule waren schon seit langem marode, sie werden derzeit abgerissen und durch Neubauten ersetzt. Der Unterricht läuft derweil in Containerbauten auf dem Schulgrundstück weiter. Noch in diesem Jahr sollen die Arbeiten beendet werden.

Geschichte von Vogelsang

Am Anfang war der Baggersee: Im Jahre 1926 erwarb der Unternehmer Friedrich Wassermann ein 28 Hektar großes Grundstück im Westen der Stadt und errichtete ein modernes Sand- und Kieswerk. Etwas weiter nördlich startete 1932 ein Experiment mit einem neuen Siedlungstyp: In Stadtrandsiedlungen sollten vorwiegend Erwerbslose einziehen und sich auf großen Grundstücken mit Obst- und Gemüsegärten sowie Kleintierzucht  selbst versorgen.  

Vogelsang hieß die neue Siedlung, die engen Straßen Gelbspötterweg, Kuckucksweg, Dohlenweg oder Buchfinkenweg. Die Nazis ergänzten Geschosswohnungsbauten, 1937 wurden St. Konrad geweiht und  das Zwitscherhäuschen eröffnet.

Im Krieg erlitt Vogelsang keine größeren Zerstörungen, der Hochbunker am Rotkehlchenweg zeugt aber bis heute von dieser Zeit.

Bereits in den 50er Jahren wurden Teile des Wassermannsees  zugeschüttet, Die Auskiesungen im Süden endeten  Mitte der 70er Jahre. Da war „Neu-Vogelsang“ schon  gebaut, ab 2000 kam „Vogelsang-Nord“ hinzu. Zu dieser Zeit gründete Anton Bausinger, Urenkel von Friedrich Wassermann, den Landschafts- und Gewerbepark Triotop auf dem Wassermann-Gelände.

Ganz im Norden Vogelsangs, auf der anderen Seite der Venloer Straße, ist es sehr ruhig: Ein Teil des Westfriedhofs gehört ebenfalls zum Stadtteil. .Sport kann Vogelsang auch: Mit  Dieter Koslar und Marcel Wüst  brachte der Stadtteil zwei international erfolgreiche Radsportler hervor. gebracht, letzterer begründete das Rennen „Rund um Vogelsang“, das von 1975 bis 2002 alljährlich am Muttertag stattfand.